Reichskristallnacht in Bad Wildungen

(Nacht vom 9. zum 10. Nov. 1938)

Wir können keine Schulerinnerungen schreiben ohne auch auf einen dunklen Punkt während unserer Schulzeit hinzuweisen. Ich finde das sind wir auch unseren in etwa gleichaltrigen jüdischen Mitbürgern schuldig und da denke ich vor allen an „Ilse Katz“ die im 1. Schuljahr mit in der Mädchenklasse unseres Jahrgangs war.

Am Morgen des 10. November 1938 saßen wir zu Hause am Kaffeetisch, als aus dem Radio die Nachricht kam, was in der vergangenen Nacht vor sich gegangen war. Meine Eltern waren wie vom Donner gerührt, denn wir hatten von dem Ganzen nichts mitbekommen. Wir wohnten damals in der Waldschmidtstraße im Haus Asch und waren da vom Geschehen - wie man sagt - etwas weit ab vom Schuss.

Nach dem Frühstück begab ich mich auf den Weg zur Schule. Am Himmelstreppchen traf ich mich, wie fast immer, mit Rolf Schneider, der in Bubenhausen wohnte und Willi Wilhelmi von der Itzel. Unser Schulweg führte durch den Dürren Hagen, also direkt an der Synagoge vorbei. Die Synagoge brannte noch und im Raum neben der Eingangtür waren einige Frauen oder Mädchen, die Gläser mit Eingekochten an die Wand warfen und dabei die damaligen Parolen, wie Judenschweine etc., riefen.

Nach der Schule führte mein Weg durch die Stadt, denn ich musste zu meinen Großeltern in der Hinterstraße. Auf dem Marktplatz an der Wand zum Rathaus standen einige jüdische Männer, scheinbar zum Abtransport dorthin getrieben. Dieses grauenhafte Bild von Misshandelten werde ich nie vergessen. Nur zum Beispiel , einem Mann von „Hammerschlags“, ich glaube er hieß Hermann, hing das halbe Ohr herunter. Die Schaufensterscheiben der Judengeschäfte waren eingeschlagen und der Inhalt der Geschäfte war auf die Straße geworfen.

Neben dem Haus meiner Großeltern in der Hinterstraße war das Haus von Salomon Katz und seiner Frau Selma, in dem auch Jakob Katz mit Frau und seinen Kindern Ilse und Walter wohnten. Eben diese Ilse, die auch, wie ich, im Jahr 1930 am 31.01. geboren war und Mitschülerin der Mädchenklasse war, bis die damaligen Machthaber den jüdischen Kindern den Schulbesuch verboten hatten. Ein paar Tage zuvor hatte ich mit Ilse und ihrem Bruder Walter noch zusammen gespielt, wenn auch auf Geheiß von Eltern und Großeltern nur in dem nicht einsehbaren Hof der Familie Katz.

Als ich in der Hinterstraße beim Haus meiner Großeltern ankam, hatte ich den Eindruck, dass das Haus Katz leer war aber es schien nicht verwüstet zu sein. Es war ein seltsames Gefühl. Ob von der Familie Katz jemand darin anwesend war und wie lange entzieht sich meiner Kenntnis. Ich habe nie mehr ein Familienmitglied Katz gesehen. Zu welchem Zeitpunkt die Familie nach Kassel transportiert wurde ist mir ebenfalls unbekannt.

Für uns Kinder geriet dies zunächst in Vergessenheit. Es war Krieg und die Väter, Onkel und zum Teil die Brüder mussten an die Front. In der Schule und der HJ wurden uns so viele Ideale vorgegaukelt und mal ganz ehrlich gesagt, wer glaubte das uns Vorgegaukelte von der Herrenrasse, dem Sieg usw. nicht? Einer unserer Lehrer war ganz groß darin.
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Erzählt von: Kurt Franz, im August 1996